Noch schnell über
die Straße, dann bin ich auch schon da. Zebrastreifen in Japan sind so ‘ne
Sache. Man kann sich nie sicher sein, ob auch tatsächlich angehalten wird. Ich
suche mir immer eine kleine Lücke und marschiere los. Hat bisher immer
hervorragend geklappt. Klar, wer will schon äußerst schlecht gelaunte 100 kg
auf der Haube sitzen haben?
Das Bürogebäude
in dem sich meine Firma befindet, hat 13 Stockwerke. Naja, eigentlich nur 12,
aber hier in Japan ist das Erdgeschoss der 1. Stock. Also doch 13. Irgendwie.
Meine Firma hat das ganze 3. Stockwerk gemietet. Im Erdgeschoss ist ein
Convenience Store. Ziemlich coole Sache. Wenn ich mal Lust auf ein Eis habe,
gehe ich einfach runter, kauf mir eins und schlecke es in der Raucherecke. Sabber......
Das Gebäude an sich
ist schon ziemlich cool. Die Empfangshalle ist komplett mit weissem Mamor
ausgekleidet, etwas weiter hinten finden sich dann 5 Fahrstühle aus Edelstahl,
von denen aber meistens nur einer fährt. Eigenartige Software haben die. Ich
habe noch nie gesehen, das 2 Fahrstuhltüren gleichzeitig offen sind.
In der
Aufzughalle spurten die Japaner nur so an mir vorbei. Jeder ausser mir hat es
eilig. Sind die alle so fleißig? Nope, die sind alle zu spät dran! Morgens hetzen
sie alle wie die Bekloppten ins Büro, nur um dort angekommen wieder in Lethargie zu
verfallen. Und zwar bis zum Feierabend.
Oft bin ich einer
der Ersten im Büro. Ich halte nichts von der Arbeitszeiten der Japaner: Spät
kommen, spät gehen. Ich komme lieber spät und gehe früh. Ne, mal im Ernst, ich
mag es wenn ich morgens in Ruhe meine Mails lesen kann und mir niemand mit
dämlichen Fragen auf den Sack geht. Deshalb komme ich ein wenig eher. Normale
Bürozeit ist “from 9 to 5”, die meisten meiner J-Kollegen kommen so ab 9.30 Uhr
ins Büro, bleiben aber dafür dann auch mindestens bis 18.30 Uhr. Viele auch
deutlich länger. Mir wurscht, ich bin meistens um 17.30 draussen.
An deutschen
Maßstäben gemessen, kann die Arbeit in einer japanischen Firma ziemlich
zermürbend sein. „Halt warte, hat er nicht gesagt, er arbeitet in einer
deutschen Firma?“ Yup, hat er. Stimmt ja eigentlich auch. Nur bin ich der
einzige Deutsche unter 200 Japanern. Nope, kein anderer Ausländer. Chef und
sein Vize sind deutsch, aber von denen sieht man eh kaum was. Also ist das Arbeitsumfeld eher japanisch geprägt.
Entscheidungen werden
hier nicht allein gefällt. Während ich in Deutschland direkt beim Hersteller
Ersatzteile für, sagen wir mal 25.000 Euro, bestellen könnte, muss ich hier
schon für 25.000 Yen (z. Zt. 195 Euro) erstmal meinen Buchou (Manager) fragen,
obwohl der meistens keine Ahnung hat, worum es überhaupt geht. Aber das macht
ja nichts, dann gibt es eben ein Meeting, in dem der ganzen Abteilung erklärt
wird, warum ich 25.000 Yen brauche. Und so reiht sich dann ein Meeting an das
andere.
Die Unterschiede
in der Arbeitsweise? Nun, man kann nicht alle über einen Kamm scheren, aber die
Japaner arbeiten weniger „fixiert“. Da ja ständig mehrere Sachen auf meinem
Schreibtisch landen, arbeite ich sie in der Reihenfolge ab, in der sie
hineingekommen sind: 1,2,3,4. Klar, ich kann mal etwas vorziehen, wenn es eilig
ist, aber ungern. Meine japanischen Kollegen fangen mit allen Sachen
gleichzeitig an, verlieren irgendwann den Überblick und das sieht dann so aus:
2,4,3,1,4,1,2 .....wtf??? Aber das macht ja nix. Dann gibt es eben ein Meeting
und alles kommt wieder in die richtige Reihenfolge: 1,2,3,4. So! Fertig ist
aber deshalb trotzdem noch nix. Und so gibt es dann wieder ein Meeting, in dem
erklärt wird, warum noch nix fertig ist und dann Prioritäten gesetzt werden. In
diesen Meetings wird das Protokoll auf einer Scannertafel mitgeschrieben, alle
Anwesenden schreiben das ALLES nochmal in ihren Kladden auf, trotzdem
werden hinterher auch noch Ausdrucke an alle verteilt. Wtf???
Funktioniert das?
Ja, erstaunlicherweise schon! Nur wundert es mich bei der Arbeitsweise nicht,
das sich so mancher Salaryman vollkommen verzweifelt vor den nächsten Zug springt.
Da ja nicht nur
bei uns, sondern praktisch in allen mittelgroßen Betrieben so gearbeitet wird,
frage ich mich, wie es Japan für lange Zeit zur zweitgrössten Volkswirtschaft
der Welt gebracht hat. „Ja aber ........ das Bahnsystem arbeitet perfekt und
japanische Autos sind die zuverlässigsten der Welt!” Ja, das stimmt. Allerdings
wird in Riesenfirmen wie z.B. JR oder Toyota mit Unmengen von Manpower und „Kaizen“
(http://de.wikipedia.org/wiki/Kaizen) an dieser Perfektion gewerkelt. Man muss
sich nur mal anschauen, wieviel Personal sich um nur einen einzigen Shinkansen
kümmert. Soviel Personal findet man in Deutschland im ganzen Bahnhof nicht! Und
was in Deutschland ein Team von 2-3 Ingenieuren durchzieht, erledigt hier oft
eine ganze Mannschaft aus locker 50-100 Ingenieuren. Und da gibt es das „2,4,3,1,4,1,2
.....wtf???“-Problem nicht, weil jeder nur eine „Nummer“ bearbeitet und dabei
von min. einem anderen Ing. bewertet wird. Für alles gibt es Regeln, deren
Ausführung strikt befolgt wird. Auf vielen Firmengeländen latscht man nicht
kreuz und quer, sondern es gibt vorgegebene Wege und diese werden nur an Zebrastreifen
überquert, vor dem man oft sogar Handzeichen geben muss, bevor man diesen
überquert. Und ja, die Handzeichen muss man auch geben wenn kein Auto zu sehen
ist. Oft kann man diese Handzeichen auch bei Schaffnern und Bahnführern sehen.
Alles Blödsinn? Nun, zumindest passieren bei der Japanischen Bahn weniger
Unfälle im Jahr, als z.B. bei der Deutschen Bahn in einer einzigen Woche.
In vielen Firmen
geht es morgens erstmal raus zum Frühsport, an dem ALLE teilnehmen müssen, vom
Arbeiter bis zur Sekretärin. Ich habe oft mit deutschen Monteuren zu kämpfen,
die “diese verdammte Scheiße“ auf keinen Fall mitmachen wollen, die aber sehr
schnell sportlich werden, wenn ich sie deswegen wieder ins Flugzeug setzen
will. Danach gibt es die Einweisung (Chorei) in der jede Arbeitsgruppe erklärt
bekommt was sie zu tun hat und welche Sicherheitsvorschriften es zu beachten gilt.
Oft werden diese Einweisungen nach der Mittagspause nochmal wiederholt.
 |
| Uuuund eins und zwei......... |
In dem meisten
kleineren Firmen regiert dagegen das Chaos. Nein, das ist keine Einzelmeinung.
Fragt einfach mal jemanden, der in Japan bei verschiedenen Kunden unterwegs
war. Bei mir im Büro gibt es so einige Spezialisten, die ihre herangeholten
Akten erstmal auf und unter dem Schreibtisch speichern, bis absolut nix mehr
geht. Einmal im Jahr wird dann halt einigermaßen klar Schiff gemacht und die
Akten sind wieder für alle anderen verfügbar.
Japan wird ja oft
als ein “High Tech“-Land bezeichnet , nur leider hat sich das noch nicht bis
Japan herumgesprochen. Klar, im Zug fuchtelt jeder mit einem “Smaho”
(Smartphone) herum, aber in den Büros wird noch voll auf Papier gesetzt. Ich
hab mal versucht, aus meiner Abteilung ein „paperless Office“ zu machen, habe
aber nach mehreren Wochen, in denen ich oft „mit der Faust in der Tasche“
gearbeitet habe, vollkommen entnervt aufgegeben:
Kollega: “Du Coolio
San, ich konnte dieses Katalog.pdf nicht öffnen, da hab ich es mal eben
ausgedruckt!”
Ich: „Ja aber
....... aber ....... wie konntest du es denn ausdrucken wenn du es nicht öffnen
konntest???“
Kollega: „Woher
soll ich das wissen? Hier, 384 Seiten!“
Ich: “Und dann
auch noch einseitig! Bitte Jesus, erschiess mich gleich hier und jetzt!“
„Gut, jetzt
wissen wir schon ein bisschen über den Arbeitsalltag und die Arbeitszeiten,
aber wie sieht es denn mit der Bezahlung, Urlaub, sozialen Leistungen und so nem
Kram aus?“
Schlecht. Muss
man einfach ganz klar so sagen. Es gibt Ausnahmen (Expats, gesuchte
Spezialisten, mich....), aber in der Regel verdient man in Japan weniger, hat
weniger bezahlten Urlaub und bescheidene soziale Leistungen. In meiner Firma
verdienen die Verkäufer (Uniabsolvent, so um die 30 Jahre alt, verheiratet,
Kind) so um die 300.000 Yen im Monat, haben 20 Tage bezahlten Urlaub im Jahr
und besonders mit Deutschland verglichen, bescheidene Sozialleistungen (Krankenversicherung,
Arbeitslosengeld, Rente). Wie man damit in Tokyo über die Runden kommt?
Bescheiden. Die Lebensqualität ist deutlich geringer als in Deutschland. Viele
leben ausserhalb von Kerntokyo und haben einen dementsprechend langen Heimweg.
Oft geht die Frau auch voll arbeiten, damit man sich wenigstens eine kleine
Eigentumswohnung kaufen kann, oder zusammen mit den Eltern ein Haus kauft. Ein
Auto ist oft nicht vorhanden. In meinem Apartmentblock bin ich der einzige mit
Auto....
Ich rede hier von
ganz normalen Angestellten. Klar gibt es in Tokyo auch das ganz große Geld. Die
Dekadenz springt einen geradezu an. Aber es gibt auch Arbeitslosigkeit, die bei
den zeitlich begrenzten und niedrigen Sozialleistungen wahrlich kein
Zuckerschlecken ist. So etwas wie Hartz4 gibt es nicht. Oft haben Arbeitslose,
alleinerziehende Mütter und Rentner gleich mehrere Aushilfsjobs (Arubaito), um
sich über Wasser zu halten. Trotzdem wird hier in Japan deutlich weniger
gejammert als in Deutschland. Der Unterschied wird besonders deutlich, wenn man
mal die TV-Reportagen vom Erdbeben/Tsunami in Japan und der „Jahrtausendflut“
in Deutschland vergleicht. Tja, so unterscheiden sich die Kulturen. Aber das
ist eine andere Geschichte........
Fortsetzung
folgt........