Desintegration
Unter Desintegration versteht man die Auflösung eines sozialen
Zusammenhalts innerhalb einer Gruppe, die sich bei sozialem Wandel,
insbesondere der Modernisierung, ergibt. Von Desintegration können Staaten,
Gesellschaften, soziale Schichten oder Gemeinschaften wie etwa Familien betroffen
sein. Desintegration führt bei den betroffenen Gruppen und Individuen zu
Desorientierung, die nach Wilhelm Heitmeyers Desintegrationstheorem eine
wesentliche Ursache der Entstehung von Gewalt ist. (Wikipedia)
Dampfgekocht
steige ich aus dem Zug. Klar, ist ja jetzt Winter, da muss man bei 17 Grad
Aussentemperatur den Zug unbedingt auf 25 Grad hochheizen. Nicht das man
nachher noch gesund bleibt. Im Sommer wird man draussen gekocht, im Winter
drinnen. Nein, Herbst gibt es in Tokyo nicht. Fertig, aus, basta! Zusammen mit
den anderen Borgs strebe ich in Richtung Ausgang. Ja, Borgs. Das sind die
meisten Japaner für mich. Gleichgeschaltete Menschen, denen jeder
Individualismus schon von Kindesbeinen an ausgetrieben wird. Fast wie im
Kommunismus. Und gibt es dann man Individualisten, dann sind sie so derart
abgedreht, das man eigentlich sie Gaijin nennen muss und nicht uns Ausländer.
Nein, auch nicht
richtig. Eigentlich sind die Japaner die Gaijin, nicht wir, die Ausländer.
Fertig! Ich hab die Schnauze voll davon, ständig als Aussenstehender behandelt
und tituliert zu werden. Wer ist denn hier der Aussenstehende? Ihr seid die
verdammten Gaijin! Ihr Japaner wollt doch immer als etwas “besonderes” gelten.
Als die reinste Rasse, abstammend von einem Göttergeschlecht. Ja, ihr seid eine
ziemlich reine Rasse. Jahrhundertelange Abschottung vom Rest der Welt und damit
praktisch einhergehende Inzucht haben wirklich ganze Arbeit geleistet.
Sieht man sich so
in der deutschen Bloggerszene in Japan um, gibt es kaum einen Blog, in dem die
tatsächliche Situation so wiedergegeben wird, wie in meinem. Fast alle dieser
Blogs befassen sich mit der tollen Kultur, den tollen Leuten, dem tollen Essen,
der tollen Landschaft, bla bla. Ihr seid nicht viel herumgekommen, was? Schaut
man sich dagegen in der viel grösseren englischsprachigen Bloggerszene um,
findet man dort naturgemäß viel mehr Blogger, die mit mir auf einer Wellenlänge
liegen. Vieles hier in Japan stinkt zum Himmel! Der ständige unterschwellige
Rassismus zum Beispiel geht mir tierisch auf den Sack! Ja, Rassismus. Was ist
es denn, wenn man jeden Ausländer ausgrenzt und dafür sogar ein Wort hat.
Gaijin. Sag doch mal in Deutschland (oder von mir aus irgendeinem anderen Land):
„Wer? Ach der Ausländer! Ja, der ist da. Augenblick, ich verbinde.“ Oder sag
doch mal zu Erkan: “Für einen Aussenstehenden kannst du aber wirklich gut .........
(hier selbst irgendeine selbstverständliche Tätigkeit einsetzen).
Tja, dann kriegst
du eine aufs Maul. Oder wenigstens massiven Ärger. Sowas kann man sich 2013 in
der globalisierten Welt einfach nicht mehr bringen. Nein, auch die Japaner
nicht! Und wenn sie das bisher nicht kapieren, dann müssen WIR “Aussenstehenden“
es ihnen eben immer wieder einbläuen! Nur durch ständige Wiederholung kriegst
du die von Kindesbeinen anerzogene „Besonderheit“, diesen pawlowschen Reflex
der Einzigartigkeit, aus den japanischen Betonköpfen!
Und auch du, mein
lieber Landsmann, der du schon 20 Jahre in Japan lebst. Auch von dir lasse ich
mir keine Scheiße mehr erzählen: “Jaja, Gaijin. Die Japaner meinen das doch gar
nicht so.“ Doch! Genau DAS meinen sie, mein lieber Landsmann. Nur weil es ständig
wiederholt wird und von so manchem noch im 7. Mangahimmel schwebendem
Ausländer, oder nach zig Jahren Dauerberieselung schon abgestumpften „Resident
Alien“, anstandslos akzeptiert wird, ist es noch lange nicht richtig!
Ich muss leider
eingestehen, das viele meiner Probleme hier dadurch entstanden sind, das man von
den Japanern immer so „besonders“ behandelt wird. Sei es nun auf der Arbeit oder
im Privatleben, in der Ehe oder unter Freunden, immer ist eine Ab- oder
Ausgrenzung allgegenwärtig. Immer wieder bekommt man zu hören: "Das verstehst du als Gaijin nicht. Nur wir Japaner machen das so. Das ist halt ein kulturelles Problem. Für uns Japaner ist das schwer zu verstehen. Und so weiter und so fort." Wenn schon einer anfängt mit: "Nur wir Japaner.....", dann fällt es mir schwer, diesem Gespräch ruhig zu folgen und nicht auszuflippen. Diese Probleme werde ich von nun an aktiv
bekämpfen. Es geht einfach nicht mehr anders. Ich kann und will mich nicht
allein aus Bequemlichkeit anpassen oder unterordnen.
Meine
Arbeitskollegen sind mit ihrer Wortwahl schon sehr vorsichtig geworden. Haben
sie mich früher oft direkt, oder im Gespräch mit anderen als Gaijin bezeichnet
(Oi Yoshi, guck mal was der Gaijin da wieder macht!), passiert ihnen das jetzt
nur noch extrem selten. Tja, das man sie im Gegenzug als koreastämmig oder im
Extremfall sogar als von Chinesen abstammend bezeichnet, wirkt oft eher als ein
klärendes Gespräch.
Uh, ich wohne
doch hier und muss mich dementsprechend anpassen? Das tue ich doch! Ich spreche
Japanisch, arbeite hauptsächlich mit Japanern, zahle Steuern wie jeder andere
auch, halte mich größtenteils an die Gesetze, kaufe bevorzugt japanische
Artikel, mache Urlaub in Japan, habe Sex mit Japanerinnen und habe sogar ein Kind mit einer Japanerin. Ich
mag Japan! Irgendwie. Und deshalb lasse ich mich nicht mehr ausgrenzen!
Ich freue mich
natürlich sehr über alle Kommentare. Trotzdem würde ich mich diesmal besonders
freuen, wenn auch die in Japan wohnenden Leser ihre Meinung sagen. Ich weiss
das ihr da seid! Lasst es raus! Wenn nicht hier, wo dann?
*Gaijin
(Aussenstehender, ausserhalb der Gruppe)